Freie Fahrt

Deutsche Großstädte suchen nach Lösungen, um den zu hohen Stickoxid-Ausstoß einzudämmen. In Stuttgart, aber auch in München und Hamburg, drohen ab Jahresanfang 2018 Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge.
Bild: Si, Fotolia/Andreas Gruhl

Erst vor drei Jahren hat sich der Pfiffikus neue Transporter angeschafft, alle mit Diesel-Motor und Schadstoffklasse Euro 5, zum Teil mit aufwändigem ­Innenausbau. Seit der täglichen Zeitunglektüre zum Diesel-Skandal wächst jedoch seine Sorge um die Investition. Schließlich könnte das Verwaltungsgericht Stuttgart noch in diesem Jahr entscheiden, dass die Grenzwerte für die Stickoxidbelastung in einigen Städten nur eingehalten werden können, wenn die Diesel ganz ausgesperrt werden.
Ein Fahrverbot würde allerdings verhindern, dass wir unsere Kunden in der Innenstadt weiter bedienen können, befürchtet der Pfiffikus. Oder sollen seine Mitarbeiter mit Material und schwerem Werkzeug künftig mit dem Bus oder zu Fuß zum Kunden kommen, fragt er sich. Und: Können wir künftig nur noch Aufträge in den städtischen Außenbereichen annehmen? Dem Pfiffikus schwirrt der Kopf – auch mit Blick auf seine Kollegen, die zum Großteil ebenfalls auf Diesel-Fahrzeuge setzen. Auch sie haben sich für die vergleichsweise niedrigeren Kosten und die geringere Klimabelastung durch den niedrigeren Kohlendioxid­ausstoß der Selbstzünder entschieden.
Das gesamte Handwerk muss sich daher künftig auf eine Phase großer Unsicherheit einstellen, ist unser Pfiffikus mit Blick auf die drohenden Fahrverbote überzeugt. Seine Verunsicherung hat nach den politischen Spitzentreffen im August sogar noch zugenommen. In den Umweltprämien der Autobauer, mit denen alte Diesel durch schadstoffärmere Fahrzeuge ersetzt werden sollen, sieht der Pfiffikus nicht mehr als ein getarntes Rabattprogramm der Konzerne zur Anhebung des Neuwagen-Absatzes. Selbst mit Prämien von bis zu 10.000 Euro pro Fahrzeug würde die Erneuerung seines Fuhrparks eine immense Belastung für seinen Betrieb darstellen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass unser Pfiffikus seine Transporter in der Regel mindestens acht Jahre nutzt. Zudem kann er sich nach dem bisherigen Aussagen des Stuttgarter Verwaltungsgerichtshofs zum Fahrverbot in Stuttgart noch nicht einmal sicher sein, dass selbst neueste Diesel-Motoren der Schadstoffnorm Euro 6 künftig uneingeschränkt gefahren werden können.
Für den Pfiffikus steht daher fest: Das Handwerk muss generell von Fahrverboten ausgenommen werden. Die Ausnahmeregelung sollte über mehrere Jahre gelten, um Planungssicherheit zu schaffen und die Fahrzeugflotte schrittweise erneuern zu können. Zudem müssten die Autokonzerne zu kostenlosen Hardware-Nachrüstungen an den Motoren verpflichtet werden. Denn das Bundesumweltamt hat ausgerechnet, was der Pfiffikus längst ahnte: Nämlich, dass sich die ominösen Software-Updates ebenso wie die Umweltprämie kaum auf die Messwerte entlang der deutschen Hauptstraßen auswirken dürften.
Zwar kann der Pfiffikus durchaus nachvollziehen, dass die Stuttgarter Richter der Klage der Deutschen Umwelthilfe stattgegeben und der Gesundheit der Bürger den Vorrang eingeräumt haben. Schließlich ist die Luft in vielen deutschen Kommunen stark mit gesundheitsschädlichem NOx aus Diesel-Auspuffen belastet. Kein Verständnis hat er aber für die bisherige Tatenlosigkeit der Politik. Durch ihr Nichtstun in der Diesel-Krise erzwingt die große Koalition die ab 2018 drohenden Fahrverbote in den Städten geradezu, ist der Pfiffikus überzeugt. Nun wartet er auf den nächsten Diesel-Gipfel im November. Vielleicht ist bis dahin wenigstens klar, in welche Projekte die 1 Mrd. Euro des angekündigten Fonds für Kommunen fließen soll.