Planschen ohne Wanne

Waldbaden gehört zu den neuen Wellnesstrends.
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Der Sanitärmarkt muss sich warm anziehen, denkt sich der Pfiffikus, als er vom neuesten Wellnesstrend erfährt: dem Waldbaden. Dahinter steckt das „angeleitete Eintauchen in die Natur“, das am besten in Mischwäldern funktioniert (Nadelbäume beruhigen nicht so gut). Barbara Becker macht’s und mit ihr bestimmt bald viele andere C-Promis und Influencer. Da muss der Pfiffikus dabei sein und marschiert gleich in Richtung Wald. Vor Ort scheitert er aber bereits an der Frage, ob er lieber Badehose oder Wanderschuhe anziehen soll und schaut sich hilfesuchend nach dem nächsten Waldbademeister um. Die gibt es nämlich tatsächlich. Mit Zertifikat. Die Deutsche Akademie für Waldbaden bildet Kursleiter fürs Waldbaden aus – da fühlt sich der Pfiffikus gleich viel sicherer. Er hat zwar noch nicht gehört, dass jemand zwischen Farnen, Moos und Wurzelwerk ertrunken ist, aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Am liebsten wäre ihm ja ein Schwimmlehrer aus Fernost. Denn dort wurde das Waldbaden, in Japan „Shinrin-Yoku“ genannt, sozusagen erfunden und wird sogar vom Gesundheitswesen gefördert. Ein Tag im Wald auf Rezept? Das würde der Pfiffikus auch gerne Jens Spahn vorschlagen, aber der ist ja gerade mit anderem beschäftigt. Auch die Wissenschaft spricht sich fürs Waldbaden aus: Seit 2012 existiert an japanischen Universitäten ein eigener Forschungszweig. Die „Forest Medicine“ hat bereits in mehreren Studien belegen können, dass die in der Waldluft enthaltenen Terpene gegen Krebs helfen und der Sprung ins kühle Waldbad Angstzustände, Depressionen und Wut verringert.
Gestresste SHK-Unternehmer können jetzt also entspannt aufatmen, ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio kündigen und sich den nächsten teuren Wellnessurlaub im Fünf-Sterne-Hotel sparen. Ein Ausflug in den Hunsrück, den Teutoburger Wald oder auf die Schwäbische Alb tun’s auch! Allerdings ist noch nicht erforscht, ob Eichen, Buchen und Birken die gleiche Wirkung haben wie die in ­Japan verbreiteten Pinien, Zedern und Lärchen.
Das werden „Waldmediziner“, Ökopsychosomatiker und Wildnispädagogen aber bestimmt bald rausfinden, ist sich der Pfiffikus sicher und setzt sich – müde von seinem ersten Waldbad – auf ­eine gemütliche Bank. Als er in der Dämmerung erwacht, wird er von einer Gruppe „Ultrawanderern“ fast überrannt – auch so eine Mode, die das professionelle Nachtwandern im Wald meint und sowohl Entspannungssuchenden als auch Menschen mit Angst im Dunkeln in Form einer Konfrontationstherapie helfen soll. Da kommt der Pfiffikus ins Nachdenken: Handelt es sich bei den aktuellen Wellnesstrends eher um Köder der Tourismusbranche, die Menschen in die Provinz locken sollen? Zumindest wird der zum Holzwirtschafts-
raum verkommene deutsche Wald frisch verklärt und dank neuem Zusatznutzen multitaskingfähig – da bleibt wenigstens einer effizient bei der ganzen Erholung. Guter alter Wald!