Mehr als 350 Vertreter aus Industrie, Energiewirtschaft und Kommunen trafen sich Anfang Juni in Berlin beim Deutschen Großwärmepumpen-Kongress des Bundesverbands Wärmepumpe (BWP). Sie tauschten sich über Großwärmepumpen-Projekten aus. Der BWP fordert Fortschritte beim Strompreis und bei zu langwierigen Genehmigungsprozessen.


Die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung ist für den BWP-Vorstandsvorsitzenden Claus Fest (www.calisen.com) notwendig, um Deutschland unabhängiger von Energieimporten zu machen: „Gerade die letzten Wochen und Monate haben uns erneut vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Energieversorgung bleibt. Der Krieg im Nahen Osten, die fortdauernden russischen Angriffe auf die Ukraine und weitere geopolitische Spannungen wirken sich unmittelbar auf Energiepreise, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität aus.“
Der Ausbau einer von fossilen Energien unabhängigen Infrastruktur sei daher auch aus Resilienz-Gesichtspunkten geboten: „Solange unsere Wärmeversorgung wesentlich von Gas und Öl abhängt, bleibt unsere Volkswirtschaft verwundbar“.
Kritik am GModG
Im aktuellen Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG) fehle laut Fest der entscheidende Impuls: Es sei zu kurz gegriffen, den Rechtsrahmen so umzubauen, dass eine immense Nachfrage nach erneuerbaren Gasen entstehe. Diese Gase seien absehbar weder in ausreichender Menge verfügbar noch bezahlbar. Das könne am Ende fossile Abhängigkeiten verstetigen, statt ihnen entgegenzuwirken.
Anreize zur Elektrifizierung notwendig
Fest mahnt an, dafür an anderer Stelle umso konsequenter Anreize zur Elektrifizierung zu setzen. Dies müsse über die Energiepreise, einen planbaren CO₂-Preis und über stabile Förderprogramme wie die Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) und die Bundesförderung Effiziente Wärmenetze (BEW) erfolgen.
Erfolgreich realisierte Großwärmepumpenprojekte
Am Vortag konnten die Kongressteilnehmer verschiedene Großwärmepumpen-Projekte in Berlin besuchen und sich selbst ein Bild von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten machen.
• Berlin-Schöneweide: Bereits in Betrieb ist eine Flusswasserwärmepumpe des Fernwärmenetzbetreibers BTB, die Spreewasser als Wärmequelle nutzt und Wärme ins Fernwärmenetz einspeist.
• Berlin-Spandau: Eine 75-MW-Großwärmepumpe des Berliner Fernwärmeversorger BEW soll ab 2027 Abwasserwärme für das Heizkraftwerk Reuter-West nutzbar machen. Film RBB über Energiepark Reuter.
• Projekt Dockyard Berlin: Der Bürokomplex kombiniert Großwärmepumpen mit Eisspeicher, PV/PVT-Anlagen, Geothermie und Umgebungsluft. Die Wärme wird saisonal gespeichert, der Eisspeicher unterstützt im Sommer die Kühlung.
• Humboldt Forum Berlin: 115 Erdwärmesonden und 91 Energiepfähle unter dem Gelände des Museums versorgen das Gebäude über Wärmepumpen mit Wärme und Kälte. Der Untergrund dient als Energiespeicher.
• Möbelhaus in Berlin-Lichtenberg: Im Winter wird mithilfe einer Wärmepumpe Wärme aus Abwasser gewonnen, während im Sommer überschüssige Gebäudewärme dorthin abgeführt wird.
Großwärmepumpen: Rentabilität und Containerlösungen
Im Vortragsprogramm stand die Praxis im Vordergrund. Besondere Aufmerksamkeit lag dabei auf dem Kosten-Nutzen-Verhältnis von Großwärmepumpen und verschiedenen Finanzierungs- und Investitionsmodellen für kapitalintensive Großprojekte. Erstmals stand auch der Roll-Out von modularen Anlagen im Vordergrund. Diese werden samt Hydraulik und Steuerung nicht vor Ort, sondern bereits in der Fabrik montiert und beispielsweise in Containerform angeliefert und erlauben damit einen schnellen Anschluss an die Gebäude vor Ort.
Dass Großwärmepumpen auch über viele Jahrzehnte zuverlässig funktionieren können, zeigte ein Blick auf Betrieb einer Großwärmepumpen-Anlage im schwedischen Göteborg. Diese wurde im Jahr 1984 gebaut und unlängst durch ein umfassendes Retrofit für eine weitere 15-jährige Betriebsperiode ertüchtigt.