KI und das Bauen in der Zukunft

Die Zukunftsforschung und der Blick in eine magische Glaskugel haben zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: Beide sind vage und der Blick in die Zukunft ist verschwommen. Das gilt auch für die Voraussagen zum breiten Einsatz von KI-Technologie. Fachjournalist Tim Westphal nimmt für die Si die Möglichkeiten für das Bauen in den Blick:

Was ist bereits Realität? Und was kommt noch auf uns zu? Fachjournalist Tim Westphal wagt einen Blick in die Glaskugel zum Bauen mit KI.
Was ist bereits Realität? Und was kommt noch auf uns zu? Fachjournalist Tim Westphal wagt einen Blick in die Glaskugel zum Bauen mit KI. – © Tim Westphal, 2025

Die künstliche Intelligenz (KI) begleitet uns schon ein paar Jahre und verhieß anfangs unglaublichen Fortschritt – binnen kürzester Zeit. Es besteht kein Zweifel, dass es sich um eine wichtige, wenn nicht die wichtigste, disruptive Technologie der Gegenwart handelt, die auch großen Einfluss darauf haben wird, wie wir in der Zukunft Planen und Bauen, Arbeiten und Wohnen werden. Das wirtschaftliche Potenzial geht in die Hunderte von Milliarden Euro und die gesellschaftlichen Veränderungen, die KI für die Zukunft bedeutet, sind enorm.

Künstliche Intelligenz, die Bauwirtschaft und das Handwerk

Das gilt genauso für die Bauwirtschaft und das Handwerk, die bis dato global noch immer analog und handwerklich geprägt sind. Sie stecken in unumkehrbaren Veränderungsprozessen, die direkte Auswirkungen auf Entwurf, Planung, Bau und Betrieb, Umbau, Sanierung, Rückbau und Baustoff-Recycling bedeuten. Ein gewünschter wie wichtiger Nebeneffekt: Der Bauwerkslebenszyklus rückt damit stärker in den Mittelpunkt.

Die Potenziale sind groß: das Bauen vor 4000 Jahren, vor 200 Jahren, heute und in naher Zukunft.
Die Potenziale sind groß: das Bauen vor 4000 Jahren, vor 200 Jahren, heute und in naher Zukunft. – © Tim Westphal, 2025

Er wird zukunftsfähig digitalisiert, ganzheitlich betrachtet und intelligent strukturiert. Künstliche Intelligenz unterstützt hierbei bereits.

  • Doch wo steckt die Baubranche in diesem „Change-Prozess“?
  • Welche Entwicklungen zeichnen sich ab, welche KI-Tools stehen zur Verfügung?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir das Phänomen generative KI (GenAI) zunächst genauer betrachten, denn sie ist der Schlüssel für die breite Anwendung künstlicher Intelligenz beim Planen, Bauen und Betreiben.

»Wir sind auf einem steilen Entwicklungspfad – ich glaube nicht, dass ich schlauer als GPT-5 sein werde, und das ist okay.«

Sam Altman, CEO von OpenAI anlässlich einer Panel-Diskussion an der TU Berlin im Februar 2025.

Eine Achterbahnfahrt für neue Technologien

Wenn eine neue, eine disruptive Technologie langsam „den Kinderschuhen entwächst“, die ersten Start-Ups zu milliardenschweren Einhörnern werden und die Wirtschaftswelt nach vielversprechenden Anwendungsbereichen sucht, wird immer wieder der sogenannte „Gartner Hype Cycle“ zitiert. Den gibt es natürlich auch für die generative KI (GenAI). Von einer international tätigen IT-Beratungsfirma Mitte der 1990er Jahre entwickelt, ist der Gartner Hype Cycle am einfachsten mit einer „Achterbahnfahrt für neue Technologien“ zu vergleichen. Kurz gesagt beschreibt er, wie unsere Begeisterung und Erwartungen mit der wachsenden Etablierung einer neuen Technologie schwanken.

Die fünf Phasen, die jede Innovation durchläuft

Die fünf Phasen einer Innovation am Beispiel von Anwendungen der künstlichen Intelligenz.
Die fünf Phasen einer Innovation am Beispiel von Anwendungen der künstlichen Intelligenz. – © Graphisoft / Quelle: Gartner

Am Anfang steht in Phase 1 eine bahnbrechende Idee oder auch ein erstes Modell (Innovation Trigger). Medienberichte, Fachartikel und Konferenzen sorgen zu diesem Zeitpunkt für Aufregung, internationale Bekanntheit und Neugier.

Phase 2 symbolisiert den Gipfel der überzogenen Erwartungen (Peak of Inflated Expectations), verbunden mit unrealistischen Versprechungen zu Potenzialen und Problemlösungs-Optionen.

Darauf folgt als Phase 3 das Tal der Enttäuschung (Trough of Disillusionment): Die Realität kann nicht erfüllen, was Wunschvorstellungen suggerieren. Stagnation und Misserfolg stellen sich ein, neue, unbekannte Probleme tauchen auf.

Phase 4 ist der Pfad der Erleuchtung (Slope of Enlightenment). In ihr reift die Technologie, sie wird verbessert, praktische und sinnvolle Anwendungen entstehen und es zeichnet sich ein klares Bild der Potenziale, Vorteile und Herausforderungen ab. Erste Erfolge stellen sich ein und die Technologie ist so weit entwickelt, dass sie in die breite Anwendung gehen kann. Das Plateau der Produktivität (Plateau of Productivity) stellt die 5. und finale Phase im Hype-Zyklus dar. Die betreffende Technologie hat sich in diesem Stadium flächendeckend etabliert. Sie ist im Alltag angekommen, bringt messbare Vorteile und ermöglicht nachhaltig erfolgreiche Geschäftsmodelle.

»Mit Künstlicher Intelligenz beschwören wir den Dämon!«

Elon Musk auf dem MIT AeroAstro Centennial Symposium, 2014.

KI: Aus dem Tal der Enttäuschungen auf den Pfad der Erleuchtung?

Den einprägsamen und einfach zu verstehenden „Hype Cycle“ auf das Thema Artificial Intelligence, auf KI, angewendet, befinden wir uns aktuell irgendwo zwischen Gipfel (Phase 2) und dem Tal der Enttäuschungen (Phase 3). Das würde erklären, warum – trotz vieler positiver, vielversprechender und hilfreicher KI-Tools in einer digitalen Prozesskette – bisher der „große Wurf“ in der Baubranche ausgeblieben ist. Schauen wir auf die Kraftanstrengungen, die in den vergangenen Jahren unternommen wurden, GenAI wirtschaftlich zu machen, wird deutlich: Das funktioniert nicht so schnell, wie erhofft. Und es ist sehr teuer.

Die enormen Investitionen in KI, das finanzielle Engagement großer Tech-Konzerne in den massiven Ausbau von Rechenzentren und Infrastruktur sowie die parallele Entwicklung eigener, aufwendiger KI-Lösungen untermauern das eindrucksvoll. Dazu ein paar Beispiele aus der jüngeren Zeit: Seit dem Jahr 2023 investierte Alphabet (Google) bisher über 3 Mrd. US-Dollar in das AI-Start-Up Anthropic. Weitere Investoren bei Anthropic sind unter anderem Amazon (8 Mrd. US-Dollar) und in nicht bekannter Höhe Apple, Microsoft und Nvidia. Der nächste „KI-Coup“: Im Juni 2025 gab Marc Zuckerberg den Kauf von 49 % am KI-Spezialisten Scale AI für unglaubliche 14,3 Mrd. USD bekannt.

Krieg um Talente

Parallel dazu tobt ein wahrer „War of Talents“. Ein prominentes Gesicht in diesem Zusammenhang ist der KI-Forscher Noam Shazeer. Um ihn wieder in den Mutterkonzern zurückzuholen, zahlte sein ehemaliger Arbeitgeber (Google) im Herbst 2024 2,7 Mrd. US-Dollar an Character.ai, Shazeers aktuellen Arbeitgeber – offiziell für die Lizenzen zur Nutzung eines Sprachmodells von Character.ai. Dagegen erscheint das Jahresgehalt für die größten KI-Talente der Welt, die New York Times hat dazu recherchiert, fast wie „Peanuts“. In einem Artikel vom August 2025 (und in der Podcast-Folge „Inside the A.I.Talent Wars“ der NYT) berichtet die Tageszeitung, dass Talent-Scouts rare KI-Talente mit bis zu 250 Mio. US-Dollar pro Jahr plus Gewinnbeteiligung ködern. Was für eine verrückte (KI-)Welt!

Zwei abschließende Sätze zum „Hype Cycle“: Er ist ein Denkmodell, das durchaus streitbar ist. Und auch die Ähnlichkeiten der grafischen Kurve nebst der fünf Phasen, zum Beispiel im Vergleich mit dem Dunning Kruger Phänomen, fallen auf. Es ist aber unbestritten, dass viele neue Technologien, die bereits fest in unserem Alltag verankert sind, zuvor die Phasen des Hype Cycles durchlaufen haben.

Das DeepSeek-Phänomen: Eine ganze Branche in heller Aufregung

Anfang des Jahres 2025 sorgte das junge chinesische Start Up DeepSeek für blankes Entsetzen bei den Großen der Internetbranche: Es stellte seinen KI-Assistenten vor, der mit ChatGPT, Antrophic oder Google Gemini konkurrieren kann – aber angeblich nur einen Bruchteil von deren Entwicklungskosten und Rechnerkapazitäten erforderte. Dies ist umso erstaunlicher, weil bereits die letzte US-Regierung seit 2024 die Ausfuhr von KI-Chips streng reglementiert. Noch am Tag der offiziellen Vorstellung von DeepSeek stürzte die Aktie des Chipherstellers Nvidia [1] an nur einem Börsentag um über 17 % ab.

KI bietet im Bauwesen Risiken und Chancen. Am Ende kommt es darauf an, wie man sie einsetzt.
KI bietet im Bauwesen Risiken und Chancen. Am Ende kommt es darauf an, wie man sie einsetzt. – © Graphisoft, Quelle Riba 2024 AI Report

Inzwischen ist bekannt, dass zu den offiziell genannten Entwicklungskosten (angeblich nur 5,6 Mio. USD) noch die Trainingsmodelle hinzuaddiert werden müssten. Seriöse Quellen gehen von ca. 1,6 Mrd. US-Dollar aus, die in diesem Zusammenhang nicht berücksichtigt wurden. Doch unabhängig von den bis heute „verschwiegenen“ mehr als anderthalb Milliarden US-Dollar, löste DeepSeek eine Goldgräberstimmung unter den größten chinesischen Tech-Firmen aus, während amerikanische und europäische Tech-Unternehmen teilweise zweistellige Kursverluste hinnehmen mussten. Und mit dem KI-Agenten Manus steht seit Frühjahr 2025 bereits der nächste leistungsstarke KI-Assistent aus China in den Startlöchern.

Survival of the fittest – Darwins Leitsatz gilt weiterhin

Die Menge von KI-Agenten wird in den kommenden Monaten (und Jahren) noch weiterwachsen. Davon ist auch deshalb auszugehen, weil viele Unternehmen weltweit in der Entwicklung individueller „AI Assistants“ stecken. Und über die wenigsten dieser Innovationen werden wir in 5 oder 10 Jahren noch sprechen. Nach Charles Darwins Theorie der natürlichen Auslese und ihrem Leitspruch „Survival of the fittest“ überleben bei der Evolution von KI-Modellen und im Zusammenspiel mit den Prinzipien der Evolutionsökonomik (in gewisser Weise eine Darwin-Lehre für die Wirtschaft) ebenso nur die „Stärksten“. Welche Parameter sind aber hierbei entscheidend?

Die Evolutionsökonomik liefert den Rahmen, um die wahrscheinliche Durchsetzung von KI-Entwicklungen zu analysieren, jedoch sie erlaubt keine präzisen Vorhersagen. Stattdessen lassen sich anhand verschiedener Prinzipien (Adaptierbarkeit, Selektion, Replikation und Variation) Faktoren sowie Tendenzen identifizieren, die die Erfolgswahrscheinlichkeit von KI-Entwicklungen erhöhen.

Warnungen vor einer KI-Blase

Seitdem künstliche Intelligenz (KI) verstärkt in den Medien auftaucht und wachsenden Einfluss auf unseren Alltag nimmt, werden die kritischen Stimmen immer lauter. Zu Recht, denn wo viel Geld verdient werden kann, sind Glücksritter und windige Geschäftemacher nicht weit (siehe „Dot-Com“-Blase). So hat die Bank of England (BoE) im Oktober 2025 eine deutliche Warnung vor dem wachsenden Risiko einer „plötzlichen Korrektur” an den globalen Märkten geäußert. Die Notenbank sprach mit besonderer Besorgnis über die rasant überhöhten Bewertungen der führenden KI-Technologieunternehmen und identifizierte sie als kritischen Risikofaktor. Der überbordende Optimismus hinsichtlich des KI-Potenzials habe in den vergangenen zwölf Monaten zu einem massiven Anstieg der Unternehmenswerte geführt. So hat zum Beispiel OpenAI seinen Wert mehr als verdreifacht (von 157 Mrd. US-Dollar im Oktober 2024 auf 500 Mrd. US-Dollar im Oktober 2025). Und auch Anthropic verzeichnete einen immensen Sprung von 60 Mrd. US-Dollar im März auf 170 Mrd. US-Dollar im September 2025.

Zusätzlich zu den damit verbundenen wirtschaftsökonomischen Risiken warnt auch die Politik vor einer „drastischen Neubewertung von US-Dollar-Anlagen”. Dieses Szenario könnte eintreten, wenn die US-Notenbank Fed ihre Glaubwürdigkeit bei internationalen Investoren verlieren würde. Das Risiko hierfür „wächst durch die Angriffe Donald Trumps auf die US-Notenbank und die daraus resultierende Gefährdung ihrer Unabhängigkeit“, ordnet der britische Guardian im Oktober 2025 die Wahrscheinlichkeiten einer „AI Bubble“ ein.

Die Baubranche setzt global verstärkt auf KI-Technologie

Das Potenzial für KI im Baubereich wird bis 2034 auf über 20 Mrd. US-Dollar geschätzt.
Das Potenzial für KI im Baubereich wird bis 2034 auf über 20 Mrd. US-Dollar geschätzt. – © Graphisoft, Quelle: www.precedenceresearch.com/artificial-intelligence-in-construction-market

Das Potenzial von KI-Tools für den Bausektor ist enorm. So schätzt das kanadisch/indische Marktforschungsinstitut Precedence Research die weltweite Größe des KI-Marktes im Bauwesen im Jahr 2025 auf 1,63 Mrd. US-Dollar (vgl. 2024: 1,21 Mrd US-Dollar). 2034 sollen es rund 20,62 Mrd. US-Dollar sein. Damit läge die jährliche globale Wachstumsrate (CAGR) bei fast 33 %. Dieser Ausblick ist realistisch und deckt sich mit anderen Schätzungen: Die Marktgröße von KI, allein in Nordamerika, überstieg im Jahr 2024 bereits 424 Mio. US-Dollar (35 % vom Globalmarkt) und wächst im Prognosezeitraum mit einer jährlichen Rate von 32,77 %. Mit Blick auf die möglichen Anwendungsbereiche wird erwartet, dass das Cloud-Segment in nächster Zeit am schnellsten wächst.

»Wenn man eines Tages eine Gesellschaft hat, in der man nur noch drei Tage pro Woche arbeiten muss, ist das wahrscheinlich in Ordnung.«

Bill Gates, Gründer von Microsoft, zur Bedrohung unserer Arbeitsplätze durch KI im Podcast What now? im November 2023.

Der aktuelle Markt wird dabei vor allem von großen, international agierenden Unternehmen dominiert, die KI-Werkzeuge intensiv und wertschöpfend einsetzen. Precedence Research prognostiziert, dass der asiatisch-pazifische Raum in den kommenden Jahren das größte Wachstum aufweisen wird. Die Gründe hierfür sind vor allem in der schnellen Urbanisierung, dem raschen Wachstum der Volkswirtschaften und den umfassenden Investitionen in die Infrastruktur zu sehen.

In China, Indien und Japan wird KI bereits im Projektalltag genutzt, um die Effizienz in Bauprojekten zu steigern, die Baukosten zu senken und die Sicherheit auf den Baustellen zu erhöhen. Hinzu kommt der Ausbau der Ballungsräume zu Smart Cities und die Aspekte des nachhaltigen Bauens, was die KI-Einführung zusätzlich beschleunigt.

Auch Europa erkennt den Nutzen von KI

Wie positioniert sich der Bausektor in Europa in Bezug auf den Einsatz von KI? Nach Nordamerika (35 %) und dem asiatisch-pazifischen Raum (29 %) liegen wir mit 26 % auf Platz 3. Dies ist beachtlich, insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Bauen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz nach wie vor sehr analog ist und die Architekturbüros und Bauunternehmen sich mitten im digitalen Transformationsprozess befinden: Sie sind mit der Digitalisierung ihrer Unternehmensprozesse und Projektabläufe beschäftigt.

Sieht so die digitale Bauplanung der Zukunft aus?
Sieht so die digitale Bauplanung der Zukunft aus? – © Tim Westphal, 2025

KI unterstützt sie hierbei tatkräftig. 41 % der britischen Architekten setzen KI zumindest gelegentlich für ihre Projekte ein. Dies geht aus einer Umfrage des Royal Institute of British Architects (RIBA) von 2024 hervor. 43 % der Befragten, die KI-Tools nutzen, gaben an, dass parallel dazu ihre Effizienz im Entwurfsprozess wuchs. Neben KI-Tools für Konzeption und Entwurf waren es vor allem die Automatisierung von Verwaltungsaufgaben und die Verringerung des CO2-Abdrucks von Projekten in Verbindung mit digitalen Bauwerkszwillingen, die hier genannt wurden.

Eine aktuelle Umfrage von Bausoftwarehersteller Bluebeam, der von einem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut mehr als 400 Entscheidungsträger aus Architektur- und Ingenieurbüros sowie Bauunternehmen (u.a. USA, Kanada, UK und Deutschland) befragen ließ, zeigt eine noch größere Verbreitung: Fast drei Viertel der Befragten (74 %) gaben an, dass sie KI in mindestens einer Etappe oder sogar in mehreren Phasen ihrer Bauprojekte einsetzen. Jedoch äußern mehr als die Hälfte (54 %) von ihnen parallel die Besorgnis, dass gesetzliche Regulierungen fehlen, was den breiteren Einsatz von KI tatsächlich hemmt.

»Wenn ein durchschnittlicher Mensch eine Aufgabe nach einer Sekunde kognitiver Arbeit erledigen kann, können wir sie wahrscheinlich automatisieren.«

Andrew Ng, KI-Experte und CEO von Landing AI im Sommer 2021 im Interview.

Die passenden Werkzeuge entwickeln und den rechtlichen Rahmen schaffen

Die Umfragen in der Architektenschaft verdeutlichen zwei zentrale Problempunkte beim gezielten Einsatz von KI-Tools im Bauwesen: Zum einen die notwendige Entwicklung von Werkzeugen, die sich für die ständig wiederholenden (repetitiven) Aufgaben in einem Bauprojekt einsetzen lassen (Prüfung auf Normenkonformität oder das Einhalten von Nachhaltigkeitsanforderungen, Ausfüllen von Standardformularen, digitaler Abgleich von Soll- und Ist-Stand in der Projektplanung und -ausführung etc.). Auf der anderen Seite fehlt der rechtliche Rahmen zum Einsatz von KI in der Projektbearbeitung. Das hat vor allem Auswirkungen auf Haftung und Gewährleistung für die Planenden. Hinzu kommen Urheberrechtsfragen und undefinierte Nutzungsszenarien und -grenzen (ethisch und ökonomisch), zum Beispiel für die Entwicklung eigener Algorithmen, die auf bereits vorhandenen KI-Modellen basieren. Hier liegt aktuell noch vieles im Halbdunkel.

KI ist längst im Projektalltag angekommen

Dennoch ist festzuhalten, dass es längst nicht nur KI-Assistenten wie ChatGPT, Copilot und Gemini sind, die für Recherchearbeit verwendet werden oder Hilfestellung bei der Texterstellung geben. KI-Tools finden in allen Bereichen Anwendung, angefangen bei der Planung über das Bauen und Betreiben bis hin zu Sanierungs- und Rückbaumaßnahmen sowie Recycling und Wiederverwendung.

Ein aktuelles Beispiel für ein KI-gestütztes Werkzeug ist der AI Visualizer von Archicad. Er ist eine Erweiterung für die Planungssoftware Archicad, die Varianten eines Konzeptmodells erzeugt und hierfür die KI-Bildgenerierungstechnologie von Stable Diffusion einsetzt. Der AI Visualizer kann auf der Basis von Textbeschreibungen somit vielfältige hochwertige 3D-Visualisierungen erstellen. Damit unterstützt das Tool Planer vor allem in frühen Entwurfsphasen dabei, schnell und unkompliziert Optionen zu erarbeiten, abzuwägen, weiterzuverfolgen oder Ansätze zu verwerfen. Im Oktober 2025 folgte auf der Graphisoft Ignite Conference in Budapest mit der Vorstellung des AI Assistant (Beta) ein weiteres Tool: Der AI Assistant in Archicad verbindet sich direkt mit dem AI Visualizer und soll darüber hinaus in Zukunft eine Vielzahl von unterstützenden Aufgaben in der Architekturplanung übernehmen.

Um den Einsatz von KI-Werkzeugen im Bauwesen in den kommenden Jahren deutlich zu beschleunigen, muss der aktuelle Wandel, in technologischer sowie kultureller Hinsicht, schneller voranschreiten. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, eine solide Grundlage für die Integration von KI zu schaffen. Ein wesentliches Zwischenziel stellt dabei die flächendeckende Einführung und Standardisierung von BIM dar. Die dabei gewonnenen, modellbasierten Daten bilden die Grundlage für die Entwicklung intelligenter, KI-basierter Werkzeuge, die im Arbeitsalltag von jedem Architekturbüro eingesetzt werden können.

Um den Einsatz von KI-Werkzeugen im Bauwesen in den kommenden Jahren deutlich zu beschleunigen, muss der aktuelle Wandel, in technologischer sowie kultureller Hinsicht, schneller voranschreiten.
Um den Einsatz von KI-Werkzeugen im Bauwesen in den kommenden Jahren deutlich zu beschleunigen, muss der aktuelle Wandel, in technologischer sowie kultureller Hinsicht, schneller voranschreiten. – © Tim Westphal, 2025

Den Wandel beschleunigen und die Innovationsfreude fördern

Zudem ist eine Investition in Bildung und Qualifizierung unerlässlich, was durch den demografischen Wandel und die damit verbundenen großen Herausforderungen in der Baubranche begründet ist. Es ist essenziell, dass Fachkräfte in der Zukunft in der Lage sind, KI-Werkzeuge nicht nur zu bedienen, sondern auch deren Ergebnisse kritisch zu interpretieren.

»93 Prozent der deutschen Unternehmen erwarten,
dass künstliche Intelligenz und automatisierte Informationsverarbeitung ihre Arbeit verändern, zwei Drittel erwarten, dass Roboter und autonome Systeme ihre Arbeit verändern.

Aus dem Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum.

Forschung und Politik spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Zum einen sind zielgerichtete Investitionen in KI-Anwendungen für den Bausektor wichtig, um

  • a) innovative Lösungen zu entwickeln und
  • b) ihre Praxistauglichkeit nachzuweisen.

Parallel dazu sind regulatorische Rahmenbedingungen und Gesetze notwendig, die den Einsatz von KI im Bauwesen rechtlich absichern und gleichzeitig Innovationen fördern.

Erste Anwendungen für eine größere Community aus Nutzern stehen zur Verfügung. Fachspezifische Lösungen wie der AI Visualizer (Graphisoft) oder der AI Assistant (Allplan und Graphisoft) und die langfristige Investition in tragfähige KI-Strategien von Bausoftwarekonzernen wie der Nemetschek Group lassen weitere leistungsstarke Lösungen erwarten. Wichtig hierfür ist, eine Kultur der Offenheit für Innovationen zu schaffen. Dann kann das enorme Potenzial von KI im Bauwesen voll ausgeschöpft werden.

Dipl. Ing. Arch. (FH)Tim Westphal,
Fachjournalist, 10999 Berlin

Anmerkung

[1] Der Nvidia-Crash ist in der Börsengeschichte der (bis heute) größte Verlust, der jemals an einem Tag mit einer Einzelaktie verzeichnet wurde. Aber was war passiert? Der Chiphersteller entwickelt und liefert Hochleistungschips, die weltweit für das Training komplexer KI-Modelle genutzt werden. Diese sind kostspielig und werden in großer Zahl eingesetzt. Die Entwickler von DeepSeek hatten aufgrund des US-Embargos jedoch nur beschränkten Zugriff auf wenige KI-Chips. Das Geschäftsmodell von Nvidia schien plötzlich obsolet und viele Anleger schichteten ihre Depots um.