In einer fünfteiligen Serie zum Thema Wasserstoff behandelt der Autor Manfred Hoppe den Wasserstoff im Rahmen der Wärmewende. Im dritten Teil geht es um die Einsatzmöglichkeiten für Wasserstoff im Wärmebereich. Die Ausführungen sollen einen Diskussionsbeitrag zum Thema liefern.

1. Wasserstoff im Wärmebereich – Sichtweisen und rechtliche Vorgaben
Wasserstoff auch im Wärmebereich einzusetzen, wird in Deutschland nur selten gefordert. Vorrangig wird nach dem Ansatz All Electric geplant und so auch vorgegangen. Nur zaghaft und eher widerstrebend werden Forderungen wie die der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm nach einer weniger riskanten, mehrgleisigen Positionierung im Energiebereich aufgegriffen. Für den Wärmebereich heißt das, dass zu den vorrangig geforderten Optionen Wärmepumpen und Wärmenetze weitere Möglichkeiten einzubeziehen sind, zu denen Wärme sowohl aus Wasserstoff als auch aus zirkulären Prozessen gehört.
In dieser Serie geht es um Wasserstoff, auf andere Energiequellen wird daher nur am Rande eingegangen. So wie sich gegenwärtig in Deutschland die Sichtweise zu Wasserstoff darstellt, ist in Hinblick auf die in Zukunft erwartete Wasserstoffwirtschaft zu vermuten, dass sie sich eher in anderen Märkten und Ländern einstellen wird. In Deutschland muss endlich Fakt werden, dass Wasserstoff zum Fundament wirtschaftlichen Handelns gehört. Mit Blick auf die Bereitstellung von Wasserstoff für industrielle Produktionen sind zwar umfängliche Förderungen zu verzeichnen, die aber nicht zu einer gesellschaftlich fundierten Verankerung von Wasserstoff in der Bevölkerung beitragen. Beispiele, die Wasserstoff den Menschen näherbringen, werden weiterhin vermisst.
Die sich bietende Möglichkeit, Millionen von Betreibern von Erdgas-Heizungsanlagen Wasserstoff im Wärmebereich erfahrbar zu machen, wird durch ausschließende Positionierungen auf industrielle Anwendungen wie die Stahlherstellung politisch ignoriert. Der Aussage der Clean Energy Partnership (CEP), dass Wasserstoff „ein vielseitiger Energieträger (ist), der die verschiedenen Sektoren wie Industrie, Wärme, Wohnen und Mobilität miteinander verknüpfen und die Stromnetze erheblich entlasten kann“ – sollte gefolgt und demzufolge Wasserstoff auch im Wärmebereich eingesetzt werden. Eine solche Forderung wendet sich nicht gegen Wärmepumpen und Wärmenetze. Im Gegenteil: Sie ist als Plädoyer für ein Neben- und Miteinander von Wärmepumpen, Wärmenetzen und 100-%-H2-Wärmeerzeugern bzw. Brennstoffzellen (BZ)-Heizgeräten zu verstehen.
Diese Forderung steht im Kontext rechtlicher Vorgaben. Im Gebäudeenergiegesetz (GEG) wird Wasserstoff als Option ausgewiesen. Ob und wie Wasserstoff aber letztlich im Wärmebereich vertreten sein wird, darüber wird in kommunalen Wärmeplänen entschieden, die laut dem Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung von Wärmenetzen (Wärmeplanungsgesetz) bis Mitte 2026 bzw. 2028 vorzulegen sind. Was in die Wärmepläne kommt, dürfte sich zukunftsfähig entwickeln.
Gelingt es, die bewährte Erdgasinfrastruktur inklusive der vorhandenen Erdgasspeicher für die Aufnahme von Wasserstoff zu ertüchtigen, dann steht ein mächtiges Netzwerk für die Energie der Zukunft zur Verfügung. Um das zu sichern, wird das bestehende Erdgasnetz auf Verträglichkeit mit Wasserstoff untersucht und Maßnahmen werden betrachtet, die bei Bedarf erforderlich werden können. In Versuchen, Experimenten und Projekten wird erprobt: Halten die Materialien, Dichtungen, Kompressoren usw. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, so dass man davon ausgeht, dass Erdgasleitungen und -speicher für Wasserstoff zu nutzen sind. Damit stünde die vorhandene Infrastruktur des Erdgasnetzes für Wasserstoff zur Verfügung.
2. Zur Machbarkeit der Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff
Bei der dezentralen Verwendung im Wärmebereich wird Wasserstoff direkt und vor Ort zur Erzeugung von Wärme eingesetzt. In diesen Fällen wird i.d.R. der Wasserstoff aus umgewidmeten bzw. ertüchtigten und bei Bedarf auch neuen Kavernen entnommen und über ebenfalls so zu behandelnde Erdgasleitungen den Häusern zugeführt, um dort mit wasserstofffähigen Wärmeerzeugern vorhandene Heizungsanlagen zu betreiben. Oder noch effizienter, mit BZ-Heizgeräten sowohl die erforderliche Wärme als auch CO2-freien Strom herzustellen. Auch BHKWs können so eingesetzt werden, wie Geräte im Markt bereits zeigen. Dass das Heizen mit Wasserstoff sowohl als Verbrennungsprozess als auch auf elektrochemischem Wege erfolgen kann, ist Fakt und belegt. Wie ist also vorzugehen, damit Wasserstoff im Wärmebereich zum Einsatz kommt?
Erdgas und Wasserstoff im Vergleich
Erdgas war in der Vergangenheit im Heizungsbereich recht erfolgreich. Davon zeugen aktuell noch immer viele Millionen mit Erdgas betriebene Heizungsanlagen. In diesem Umfang sind sie allerdings auch weiterhin an klimaschädlichen CO2-Emissionen beteiligt, was der Umstieg auf grünen Wasserstoff vermeidet.
Wasserstoff ist keineswegs unbekannt. Für bestimmte Zwecke wird Wasserstoff unterschiedlicher Farbzugehörigkeit seit Jahren eingesetzt, bisher in der Regel als grauer Wasserstoff und damit CO2-haltig. Wenn es um die CO2-freie Umstellung geht, ist grundsätzlich grüner und gelegentlich auch blauer Wasserstoff gemeint.
Vergleicht man Erdgas mit Wasserstoff, lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten feststellen. Ein bedeutender Unterschied besteht darin, das Erdgas im Erdinneren auffindbar ist und direkt gefördert werden kann. Wasserstoff ist zwar das Element, das weltweit am häufigsten vorkommt, in reiner Form in der Natur auch als weißer Wasserstoff zu finden ist, wirtschaftlich aber nicht zur Verfügung steht. Wasserstoff muss daher immer erst hergestellt werden.
Gemeinsam ist Erdgas und Wasserstoff die Kennzeichnung, dass es sich um ein farb- und geruchloses sowie brennbares Gas handelt. Daraus darf nicht gefolgert werden, dass ohne Weiteres von Erdgas auf Wasserstoff umgestellt werden kann. Wasserstoff ist leichter als Erdgas und brennt schneller. Er ist auch wesentlich flüchtiger und entflammbarer. Das führt dazu, dass die aus der jahrelangen Praxis mit Erdgas bekannten und vertrauten Eigenschaften und Verhältnisse beim Einsatz von Wasserstoff andere sind.
Stichworte dazu sind: Verbrennungsvorgänge, Luftbedarfe, Flammengeschwindigkeiten, Flammentemperaturen, Flammenrückschläge, Explosions- und Zündgrenzen, Sauerstoffgrenzkonzentrationen, Volumenströme, Fließgeschwindigkeiten u.a.m. Das alles gilt es zur Kenntnis zu nehmen, zu klären und die Auswirkungen auf Bauteile, Geräte, Anlagen usw. zu regeln. Auf die Einzelheiten wird im Rahmen dieses Beitrags nicht eingegangen. Wie die Praxis darauf reagiert, wird aber an Beispielen aus Projekten deutlich.
Das große Plus: Vorhandenes ist für Wasserstoff umzuwidmen oder zu ertüchtigen
Deutschland verfügt über ein weit verzweigtes, intaktes und bewährtes Erdgassystem. Es beginnt mit den Kavernen, an die das Ferngasnetz mit Überland-Leitungen angeschlossen ist. In diesem Netz wird Erdgas mit einem Nenndruck von 75 bis 100 bar bewegt. Das Ferngasnetz wird von Fernleitungsbetreibern unterhalten. Die regionale und kommunale Verteilung im Gasverteilnetz erfolgt gestuft bei weiterer Reduktion des Drucks. Bei den Heizungsanlagen in den Häusern kommt Erdgas mit einem Überdruck von 20 mbar an.
Die Umstellung auf Wasserstoff erfordert einige Änderungen bzw. Ertüchtigungen an den Heizungsanlagen. Sowohl bei Beimischungen zum Erdgas als auch bei der Umstellung auf Wasserstoff sind bei den vorhandenen Heizungsanlagen aber überschaubar wenige Bauteile davon betroffen, die wasserstofffähig bzw. -verträglich sein oder gemacht werden müssen.
Das gilt vor allem für Wärmeerzeuger. Die Hersteller haben sich darauf eingestellt und in Hinblick auf Beimischungen H2-ready-Angebote entwickelt. Für eine Umstellung auf reinen Wasserstoff werden bereits 100-%-H2-Wärmeerzeuger erprobt und für den Markt vorbereitet. Erste Geräte haben bereits eine Serienzulassung für 100 % H2 erhalten. Sie entsprechen in Form und Aussehen sowie in den Abmessungen den vertrauten Erdgas-Brennwertgeräten, so dass der Austausch äußerst einfach zu realisieren ist. Bild 1 zeigt einen 100-%-H2-Wärmeerzeuger.
3. Erkenntnisse und Ergebnisse zur Wasserstoffverträglichkeit
In Versuchen, Projekten und Feldtests wird seit Jahren daran gearbeitet, den sicheren Wechsel von Erdgas auf Wasserstoff vorzubereiten. Dabei geht es um die Klärung von Fragen wie die folgenden:
- Wie sicher, wie verträglich und wie umgänglich ist Wasserstoff?
- Sind die bestehende Gasinfrastruktur und die Gasverwendungstechnik für den Betrieb mit Wasserstoff weiter einzusetzen?
- Wie verhält sich die Wasserstoffverträglichkeit konkret in Hinblick auf Materialien, auf Dichtungen und Regelsysteme, auf Geräte und Brenner usw.?
- Kann Wasserstoff dem vorhandenen Erdgas beigemischt werden?
- Wie soll bzw. kann die Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff erfolgen?
Solche Fragen sind sowohl in Hinblick auf Beimischungen von Wasserstoff zum Erdgas als auch zur Umstellung auf 100 % Wasserstoff zu klären.
H2-ready und Beimischungen zum Erdgas
Wird Wasserstoff dem Erdgas beigemischt, verändert sich die Zusammensetzung des Gases. Die Dichte, der Brenn-/Heizwert und der Luftbedarf des je nach Umfang der Beimischung wasserstoffhaltigen Erdgases variieren. Es war zu klären, wie sich Beimischungen auf die Funktionstüchtigkeit und auf Materialien auswirken. Zu den Ergebnissen ist vor allem auf Projekte wie H2-HO und Wasserstoff-Insel Öhringen zu verweisen, wo Beimischungen von 10, 20 und 30 % Wasserstoff zum Erdgas erprobt wurden. Im Netzlabor „Wasserstoff-Insel Öhringen“ wurde zum Abschluss des Projekts im April 2024 eine positive Bilanz gezogen. Dort wurde festgestellt: „Im Wärmebereich und bei der kommunalen Wärmeplanung kann Wasserstoff ein Teil der Lösung zur CO2-freien Energieversorgung sein“. Neben dem Netzlabor waren 26 angrenzende Haushalte beteiligt, die mit stufenweisen Beimischungen von bis zu 30 % Wasserstoff versorgt wurden.
Aus Mainz-Ebersheim, einem weiteren Ort, an dem Beimischungen von etwa 10 % Wasserstoff ins Stadtteilnetz vorgenommen wurden, wird berichtet, dass den Betreibern betroffener Heizungsanlagen die Beimischung ohne Hinweise darauf nicht bemerkbar war. In einem Forschungsbericht heißt es zu Beimischungen, „dass alle ordnungsgemäß entsprechend den geltenden Regelwerken erstellten und betriebenen Leitungsanlagen mit den zulässigen Verbindungstechniken für bis zu 100 % H2 technisch dicht ausgeführt werden und es somit … keine sicherheitstechnisch relevante Einschränkung bezüglich der Dichtheit gibt“ (DVGW-Forschungsprojekt G 201902). Diese Feststellung wird durch weitere Projekt- und Testreihen-Berichte bestätigt.

Beimischungen von Wasserstoff zu Erdgas wie auch die Entwicklung von H2-ready-Geräten werden aber voraussichtlich keine praktische Bedeutung erlangen, weil es dafür auf absehbare Zeit keinen Wasserstoff gibt und sich der Aufwand zum Nutzen des Einsatzes ungünstig verhält. Für den Schritt zur Umstellung der Netze von Erdgas auf Wasserstoff sind die Ergebnisse der Versuche und Projekte zu Beimischungen allerdings wichtig und von großer Bedeutung.
Umstellung auf 100 % Wasserstoff
Beim Verteilnetzbetreiber Westnetz befasst man sich seit Jahren damit, wie die bestehende Erdgas-Infrastruktur für die Umstellung auf Wasserstoff zu nutzen und wie der entsprechende Nachweis dafür zu erbringen ist. 2022 kam es im Gewerbegebiet Holzwickede mit drei ebenfalls interessierten Unternehmen zum Projektstart von H2HoWi mit der Zielsetzung, ein etwa 500 m langes Teilstück von der öffentlichen Erdgasversorgung abzutrennen und auf Wasserstoff umzustellen (siehe Bild 2).
Nach der Abkoppelung vom öffentlichen Erdgasnetz wurde das für den Versuch vorgesehene Teilnetz auf die Umstellung vorbereitet. Dazu gehörten u.a. die Installation von Wasserstoff-Brennwertthermen, die Spülung der Erdgasleitung mit Stickstoff und letztlich die Dichtigkeitsprüfung. Nach Abschluss der vorbereitenden Arbeiten konnte das für H2HoWi vorgesehene Design wie in Bild 2 dargestellt umgesetzt werden.
Versorgt wird das Teilnetz aus dem Wasserstoffspeicher (3), der mit grün zertifiziertem, klimaneutralem Wasserstoff unter einem max. Druck von 42 bar gefüllt wird. Für die Verteilung des Wasserstoffs durch das Teilnetz (A) zu den angeschlossenen Gebäuden (7) wird der Druck durch die Gasdruckregelmessanlage (4) auf 0,3 bar herunter geregelt. Da Wasserstoff geruchlos ist, wird – wie auch bei Erdgas – durch die Odorieranlage (5) ein Geruchsstoff zugesetzt. Über das umgewidmete Teilnetz kommt der Wasserstoff zu den Netzkunden (7).
Um die für die Erbringung des Nachweises einer erfolgreichen und sicheren Umstellung auf Wasserstoff erforderlichen Messungen durchführen zu können, sind Permeationsmessschächte (6) mit Permeationsmesszellen installiert (siehe Bild 3). Bei den Netzkunden (7) sind die vorab installierten 100-%-H2-Brennwertgeräte betriebsbereit. Seit Oktober 2022 werden die Teilnetzkunden mit Wasserstoff versorgt, das nach Anforderung durch Tankfahrzeuge (1) geliefert und bei der Füllung sowie danach anhand der Gasdruckregelmessanlage überwacht wird.
Seit Juli 2025 sind im Projekt H2HoWi die wasserstofffähigen Wärmeerzeuger Thermo Condens von Weishaupt im Einsatz. Die Geräte haben eine Serienzulassung für 100 % Wasserstoff und sind mit den Leistungen 15 kW, 25 kW und 32 kW erhältlich. Bild 4 zeigt den 100-%-H2-Wärmeerzeuger im Showroom des Projekts H2HoWi.
Carsten Stabenau, Ideengeber und Mitglied des Projektteams, fasst die Erfahrungen mit H2HoWi in Bezug auf Dichtheit, Materialverträglichkeit und Funktionsfähigkeit wie folgt zusammen: „Das Projekt hat bislang gezeigt, dass der Betrieb der umgestellten Erdgasleitung auf 100 % Wasserstoff keine Auffälligkeiten aufweist und belegt somit die Integrität des Bestandnetzes gegenüber Wasserstoff“.
Der Zuspruch zur Umstellung auf Wasserstoff wächst
Dass die fachgerechte Umstellung auf Wasserstoff machbar ist, gilt zwischenzeitlich als gesichert. Zur Bekräftigung wird auf zwei weitere Projekte verwiesen.
H2Direkt in Hohenwart/Landkreis Pfaffenhofen versorgt seit September 2023 ebenfalls über ein ehemaliges Erdgasnetz zehn Kunden mit reinem Wasserstoff. Zielsetzung und Programm sind weitgehend mit H2HoWi vergleichbar. Die im Sommer 2024 veröffentlichte H2Direkt-Zwischenbilanz präsentierte Ergebnisse, die mit denen aus H2HoWi konform gehen. Im Hinblick auf Anforderungen durch Wasserstoff wird auf H2Direkt in Teil 4 der Beitragsserie noch eingegangen.
Bereits geplant und in Vorbereitung befindet sich das Projekt H2Switch100 in Hamburg/Harburg. Dort ist vorgesehen, einen repräsentativen Netzabschnitt mit 16 Anschlüssen auf 100 % Wasserstoff umzustellen. Repräsentativ heißt, dass der ausgewählte Netzabschnitt dem entspricht, was den Durchschnitt des Hamburger Erdgasnetzes ausmacht. Das Projekt soll mit Beginn der Produktion von Wasserstoff für Hamburg 2027 starten. Es soll dann ermittelt und belegt werden, welcher Aufwand und welche Kosten mit der Umstellung vorhandener Netze auf Wasserstoff verbunden sind.
In den angeführten Projekten wird unter vorgefundenen Bedingungen das erprobt, was in einigen Jahren überall der Normalfall sein könnte. Die Projekte H2HoWi, H2Direkt und H2Switch100 können daher als Blaupause für das weitere Vorgehen bei der Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff dienen. Vor dem Hintergrund dieses Wissensstands wird erwartet, dass der direkt-dezentrale Einsatz von Wasserstoff nicht weiterhin ignoriert wird. Holger Dörr (Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel), der in Projekten wissenschaftlich begleitend aktiv war und ist, fasste auf der AKVT-Tagung am 8.3.2024 in Mühlhausen die Erkenntnisse aus Versuchen und Projekten wie folgt zusammen: „Beimischungen von H2 und (die) Umstellung auf H2 sind Stützen der Wasserstoffstrategie. Sie adressieren:
- H2-Verfügbarkeit (Aufbau der H2-Erzeugungskapazitäten),
- Machbarkeit (Austausch) und
- Sozialverträglichkeit und
- Großkapazitive Speicheroption von EE-Strom – als Partner des Ausbaus der EE-Erzeugerkapazitäten (Wind, Solar)!“
Mit anderen Worten: Es spricht nichts gegen die Umstellung auf Wasserstoff für den direkt-dezentralen Einsatz im Wärmebereich.
BZ-Heizgeräte – der Zeit voraus
Kommt die Umstellung auf Wasserstoff, dann kann auch dem wieder nachgegangen werden, was bereits vor mehr als 2 Jahrzehnten verfolgt wurde: Die passende Technik für Wasserstoff zu entwickeln und einzusetzen. Im Projekt Callux haben wissenschaftliche Einrichtungen und Hersteller aus dem Heizungsbereich zu Brennstoffzellen geforscht und Prototypen für Heizgeräte entwickelt. Erste marktfähige BZ-Heizgeräte kamen nach 2012 in den Handel. Damals und bis heute noch auf der Basis von Erdgas mit integriertem Reformer, aber mit der Erwartung, bei Verfügbarkeit Wasserstoff zu verwenden.
Da Wasserstoff weiterhin und bis heute auf sich warten lässt, blieben BZ-Heizgeräte nach anfänglichen Erfolgen ein Nischenthema. Ist Wasserstoff verfügbar, kann an die bei Herstellern vorhandenen Erfahrungen und Erkenntnissen angeknüpft und die wasserstoffaffine Technik mit Brennstoffzellen zur Anwendung kommen. Bild 5 zeigt ein derzeit (noch) marktgängiges BZ-Heizgerät mit integriertem Brennwertkessel.
Was mit auf den Bedarf von Wohnungen und Häusern ausgelegten BZ-Heizgeräten erreicht werden kann, wird anhand von Bild 6 aufgezeigt:

Kommen z. B. in 10 Mio. Wohnungen leistungsmäßig passende BZ-Heizgeräte zum Einsatz, dann sind diese nicht nur wärmemäßig, sondern auch mit ca. 60 TWh Strom versorgt. Es entsteht – bei 0,7 kW elektrisch – also auch zusätzlicher Strom, der ins Netz einzuspeisen ist. Mit bedarfsgerecht ausgelegten und ausgestatteten BZ-Heizgeräten können Haushalte daher nach Anschluss an die Versorgung mit Wasserstoff zu Selbstversorgern bei Wärme und zu Produzenten von Strom werden. Das kann millionenfach geschehen und die Stromherstellung durch Sonne und Wind entsprechend unterstützen bzw. entlasten.
4. Bilanz der Versuche und Projekte mit wasserstofffähigen Heizungsanlagen
Die Ergebnisse aus den Versuchen und Projekten mit wasserstofffähigen Heizungsanlagen belegen:
- Die Verträglichkeit bzw. Ertüchtigung bestehender Netze ist hinsichtlich der Aufnahme von Wasserstoff gegeben bzw. herstellbar. Das wurde sowohl für anteilige Beimischungen als auch für 100 % Wasserstoff festgestellt. Die Erdgasinfrastruktur steht i.d.R. für die Umstellung auf Wasserstoff zur Verfügung.
- Wie bei der Umstellung auf Wasserstoff vorzugehen ist (Installation von H2-Wärmeerzeugern, Spülung mit Stickstoff, Dichtigkeitsprüfung usw.), wurde realisiert, erprobt und für machbar befunden.
- Wasserstoff ist sowohl für H2-Wärmeerzeuger als auch für BZ-Heizgeräte einsetzbar. In Hinblick darauf, dass nicht nur Wärme, sondern auch Strom geliefert wird, ist aus Gründen der Energieeffizienz auf elektrochemische Wandlungsprozesse zu setzen.
Die dargestellten, erfolgreich erprobten technischen Möglichkeiten des direkt-dezentralen Einsatzes von Wasserstoff im Wärmebereich lassen erwarten, dass auch die Nachfrage zum direkt-dezentralen Einsatz von Wasserstoff einsetzt. Aber ohne Wasserstoff, der noch immer nicht vorhanden ist, heißt es weiterhin warten. Das ist nicht nur für die Wärmewende belastend, sondern gefährdet auch das Gelingen der Energiewende. Beide haben erneuerbaren Strom zur Voraussetzung. Für Deutschland ist das der aus Sonne und Wind hergestellte grüne Strom. Wenn er zur Verfügung steht und direkt angewendet wird, ist das ausgesprochen energieeffizient.
Da Strom aus Sonne und Wind aber volatil ist, erfordert das schon für die sichere Versorgung über wenige Tage, dass im Umfang des grünen Stroms dieselbe Kapazität über den Energiespeicher Wasserstoff oder andere Ausgleichsmöglichkeiten vorhanden sein muss. Das macht die Transformation aufwendig und teuer. Das geht zu minimieren, wenn Wärme nicht (nur) durch grünen Strom, sondern (auch) durch Wasserstoff direkt erzeugt wird.
In Bezug auf die Energiewende kommt außerdem hinzu: Grüner Strom ist nur ein Teil des Gesamtenergiebedarfs. Der andere Teil sind die CO2-freien Grundstoffe, die vor allem für industrielle Produktions- und Bearbeitungsprozesse benötigt werden. Es ist davon auszugehen, dass das Verhältnis von grünem Strom zu CO2-freien Grundstoffen auch nach der Transformation mengenmäßig eindeutig bei den Grundstoffen liegt. Der Bedarf im Strombereich ist durch Elektronen, der Bedarf bei Grundstoffen vor allem in Form von Molekülen zu bedienen – also durch Wasserstoff und seine Derivate. Hieran lässt sich deutlich erkennen, dass der in Deutschland verfolgte All Electric-Ansatz für die Energie- bzw. Wärmewende nicht die Lösung bringen kann. Das bedeutet, dass bei Herstellung und Import von Wasserstoff keine weitere Zeit mehr zu verlieren ist: Wasserstoff muss umgehend produziert werden.
Auf dem Weg in die Wasserstoffwirtschaft?
Und dabei geht es auch nicht allein um Energie. Aus der Geschichte wissen wir, dass sich Produktions- und Maschinenformen in Abhängigkeit verfügbarer und bezahlbarer Energie entwickeln und durchsetzen. Mit der Kohle haben Dampfmaschinen Einzug gehalten. Bei Erdöl und Erdgas dominieren immer noch – siehe Verkehrs- und Wärmemarkt – maschinell betriebene Verbrennungsvorgänge. Strombetriebene Einsätze verzeichnen inzwischen – immerhin – relevante Zuwächse.
Bei Wasserstoff werden im Laufe der Zeit elektrochemische Wandlungen durch Brennstoffzellen die Oberhand gewinnen. Eine zukunftsorientierte Politik sollte entsprechende historische Erfahrungen nicht ignorieren, sondern sie zur Kenntnis nehmen und demgemäß handeln. Geschieht das nicht, bleibt der Wärmebereich von Wasserstoff ausgeschlossen. Dann kann es für 100-%-H2-Wärmeerzeuger bzw. BZ-Heizgeräte keine Zukunft geben – was sich eine Wasserstoffwirtschaft nicht entgehen lassen kann. Es hängt also viel davon ab, dass das zu Beginn der Serie aufgezeigte Verhältnis von grünem Strom und grünem Wasserstoff nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verstanden wird und die Entscheidung erfolgt, neben Strom auch die Versorgung mit Wasserstoff sicherzustellen. Damit wird dann auch die Entwicklung wasserstoffaffiner Geräte, Anlagen und Verfahren möglich. Nur so wird man zur Wasserstoffwirtschaft werden.
Welche Anforderungen beim Einsatz von Wasserstoff im Wärmebereich entstehen und wie darauf vorzubereitet ist, wird mit Teil 4 thematisiert.




