Zwischen Normen und Innovation

Die Technische Gebäudeausrüstung (TGA) steht vor enormen Herausforderungen: Energiewende, Digitalisierung und Fachkräftemangel prägen den Alltag der Branche. In diesem Interview beleuchten wir die Spannungsfelder zwischen regulatorischen Anforderungen und praktischer Umsetzung, zwischen digitalen Möglichkeiten und analoger Realität sowie die Frage, wie die Branche für junge Talente attraktiver werden kann.

Ralph Genkel leitet die ingenieurbüro heimsch GmbH (www.ibheimsch.de) in Rastede. Er hat Betriebs und Versorgungstechnik in Bremerhaven studiert und in der Fachplanung und im Energiecontracting gearbeitet. Außerdem ist er geprüfter Gebäudeenergieberater.
Ralph Genkel leitet die ingenieurbüro heimsch GmbH in Rastede. Er hat Betriebs und Versorgungstechnik in Bremerhaven studiert und in der Fachplanung und im Energiecontracting gearbeitet. Außerdem ist er geprüfter Gebäudeenergieberater. – © ibh – ingenieurbüro heimsch GmbH

Si: Die TGA-Branche muss nachhaltige Lösungen liefern, um zukunftssichere Gebäude realisieren zu können. Hier stehen preissensible Lösungen und technische Komplexität teils in deutlichem Widerspruch zueinander. Wie gelingt es Ihnen, dabei im Spannungsfeld zwischen Normen und knappen Zeitfenstern dennoch zukunftsweisende Projekte zu realisieren? Welche Kompromisse
müssen Sie dafür am häufigsten eingehen
?

Ralph Genkel: Wir erleben tatsächlich einen ständigen Balanceakt zwischen Anspruch, Budget und Machbarkeit. Nachhaltige Lösungen sind technisch komplex und erfordern Zeit – beides steht im Projektalltag oft nicht ausreichend zur Verfügung. Wir versuchen deshalb, frühzeitig mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen, um Prioritäten sauber zu definieren: Was ist zwingend notwendig? Wo sind Spielräume? Kompromisse gehören dazu, aber sie sollten bewusst getroffen werden. Unser Ziel ist, die technische Qualität und Energieeffizienz zu sichern, auch wenn wir an anderer Stelle pragmatisch vorgehen müssen. Wichtig ist, dass Nachhaltigkeit nicht nur geplant, sondern auch betrieben werden kann.

Si: Gibt es Normen, die aus Ihrer Sicht kontraproduktiv für wirklich nachhaltige Lösungen sind?

Genkel: Ich würde nicht sagen kontraproduktiv, aber teilweise bremsend. Viele Normen entstehen aus berechtigter Sorgfalt – sie sind aber nicht immer auf den aktuellen Stand der Technik oder der energetischen Entwicklung angepasst. Wenn wir beispielsweise über ganzheitliche Energie und Gebäudekonzepte sprechen, stoßen wir oft auf normative Grenzen, die den Systemgedanken einschränken. Nachhaltigkeit lässt sich nicht immer in Normtabellen pressen. Manchmal braucht es Mut, über den Tellerrand zu schauen – natürlich ohne die Sicherheit oder Qualität zu gefährden.

Si: Welche regulatorischen Änderungen würden Sie sich wünschen, um Ihre Arbeit effektiver gestalten zu können?

Drei Beispielprojekte zeigen ein breites Planungsspektrum: Neubau einerfeuerwehrtechnischen Zentrale mit Einsatzleitstelle und Fahrzeughalle, ...
Drei Beispielprojekte zeigen ein breites Planungsspektrum: Neubau einer feuerwehrtechnischen Zentrale mit Einsatzleitstelle und Fahrzeughalle, … – © ibh – ingenieurbüro heimsch GmbH

Genkel: Mehr Klarheit und weniger Widersprüche. Viele Vorgaben aus GEG, EPBD und Landesbauordnungen greifen ineinander, aber nicht immer logisch. Das führt zu Interpretationsspielräumen, die im Projekt Zeit kosten. Hilfreich wäre, wenn die Regularien stärker auf den Lebenszyklusgedanken ausgerichtet würden – also nicht nur auf die Planung, sondern auch auf den Betrieb. Denn dort entscheidet sich letztlich, ob
ein Gebäude wirklich effizient ist.

Si: Nachvollziehbar. Lassen Sie uns noch ein weiteres Thema aufgreifen: An der Schnittstelle zwischen TGA-Planung und Ausführung entstehen häufig Reibungsverluste. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen beim Übergang von der Theorie in die Praxis?

Genkel: Das größte Problem ist oft, dass Informationen verloren gehen – sei es durch Zeitdruck, wechselnde Ansprechpartner oder unklare Zuständigkeiten. In der Planung steckt viel Detailwissen, das für die Ausführung essenziell ist. Wenn das nicht sauber übergeben wird, entstehen Missverständnisse. Wir versuchen, durch klare Kommunikationsstrukturen gegenzusteuern, und begleiten viele Projekte bis zur Inbetriebnahme. Das kostet Zeit, spart aber am Ende viel Ärger – und sorgt dafür, dass die Anlage das leistet, was sie leisten soll.

Si: Welche typischen Missverständnisse treten denn zwischen Planern und ausführenden Gewerken auf?

Genkel: Oft geht es gar nicht um Technik, sondern um Perspektiven. Planer denken in Konzepten und Systemen, Handwerker in konkreten Arbeitsschritten und Montagen. Wenn beide Seiten nicht voneinander wissen, was sie brauchen, entstehen Konflikte. Das löst man nur durch Dialog. Wir nehmen die Erfahrung der SHK-Betriebe sehr ernst, weil sie wissen, was im Alltag funktioniert – und was nicht. Ein gutes Projekt steht und fällt mit den Menschen, die zusammenarbeiten. Toleranz, Offenheit und Vertrauen sind für mich sehr wichtig.

... die Erneuerung der Lüftungs und Entfeuchtungsanlage Walter Maack Eisstadion sowie ...
… die Erneuerung der Lüftungs und Entfeuchtungsanlage Walter Maack Eisstadion sowie … – © ibh – ingenieurbüro heimsch GmbH

Si: Die Digitalisierung verspricht, viele Prozesse zu optimieren. Wie setzen Sie digitale Werkzeuge konkret ein und wo stoßen diese in der TGA-Praxis an ihre Grenzen? Welche Tools haben sich in Ihrem Alltag als besonders wertvoll erwiesen?

Genkel: Digitale Tools sind aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken. Wir nutzen unter anderem BIM-Modelle, Berechnungs- und Simulationstools, um Anlagenverhalten realitätsnah abzubilden. Besonders hilfreich sind koordinierte 3D-Modelle, weil sie Kollisionen frühzeitig sichtbar machen. Aber: Technik ersetzt keine Kommunikation. Die beste Software nützt nichts, wenn sie isoliert genutzt wird. Die größte Stärke digitaler Werkzeuge liegt für mich in der Transparenz – wenn alle Beteiligten dieselbe Informationsbasis haben.

Si: Wie gehen Sie mit dem Thema Datendurchgängigkeit von der Planung bis zum Gebäudebetrieb um?

Genkel: Das ist ein zentrales Thema. Wir arbeiten daran, dass unsere Daten auch für die Betriebsphase nutzbar sind – etwa für die Regelung, das Monitoring oder die Wartung. Das gelingt nur, wenn man bereits in der Planung sauber strukturiert. Wir sehen uns als Partner, der den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes im Blick hat. Wenn Betreiber verstehen, was ihre Technik kann, dann bleibt sie effizient – und genau das ist unser Ziel.

Si: Das heißt, auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Wie organisieren Sie die Kooperation zwischen den verschiedenen Fachplanern und Gewerken?

... der Neubau der ADAC Luftrettungsstation Sanderbusch.
… der Neubau der ADAC Luftrettungsstation Sanderbusch. – © ibh – ingenieurbüro heimsch GmbH

Genkel: Wir verstehen uns als Teamplayer. Bei komplexen Projekten sitzen wir mit Architekten, Tragwerksplanern, Fachbauleitungen und auch den SHK-Unternehmen an einem Tisch. Diese Gespräche sind nicht immer einfach, aber unglaublich wertvoll. Wir setzen auf eine Kultur des offenen Austauschs – ohne Schuldzuweisungen, dafür mit lösungsorientiertem Denken. Wenn alle Beteiligten das gleiche Ziel haben, funktioniert Zusammenarbeit erstaunlich gut.

Si: Wie früh werden dann alle Beteiligten und damit auch die ausführenden SHK-Gewerke in den Planungsprozess eingebunden? Spielen beispielsweise gemeinsame Planungsworkshops in Ihren Projekten eine Rolle?

Genkel: SHK-Hersteller sind frühzeitig in unsere Projekte eingebunden. Unsere Mitarbeiter haben größtenteils alle eine handwerkliche Lehre, haben also das SHK-Handwerk gelernt, in der Praxis gearbeitet, um dann später ihren Fachplaner oder staatlich geprüften Techniker zu absolvieren. Insofern garantieren wir eine praxisorientierte Fachplanung.

Si: Die TGA-Branche kämpft mit einem massiven Fachkräftemangel. Wie müsste sich das Berufsbild verändern, um für die Generationen Z und Alpha attraktiver zu werden?

Genkel: Wir müssen zeigen, dass TGA mehr ist als Rohre, Kabel und Pläne. Es geht um Energie, um Komfort, um Lebensqualität. Junge Menschen wollen den Sinn in ihrer Arbeit sehen – und genau das bietet unsere Branche. Das Berufsbild muss aber moderner kommuniziert werden: digitaler, interdisziplinärer, zukunftsorientierter. Wer heute in die TGA einsteigt, gestaltet aktiv die Energiewende mit – das sollte viel stärker betont werden.

Si: Und was macht für Sie ganz persönlich die Faszination an der TGA aus?

Genkel: Mich begeistert, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Man arbeitet immer an einem Puzzle aus Technik,Architektur und Nutzung – und wenn am Ende alles harmoniert, ist das ein großartiges Gefühl. Außerdem fasziniert mich, wie sehr gute TGA die Lebensqualität in Gebäuden beeinflusst. Ob es jemandem in einem Raum behaglich ist oder nicht – das hängt oft von unserer Arbeit ab. Das motiviert mich jeden Tag.

Si: Können Sie mit diesen Themen auch junge Talente für diesen Bereich begeistern?

Genkel: Ja, das funktioniert – wenn man ehrlich bleibt. Junge Menschen merken sofort, ob jemand nur wirbt oder wirklich begeistert ist. Wir versuchen, sie früh einzubinden, ihnen Verantwortung zu geben und zu zeigen, dass ihre Arbeit sichtbar ist. Wenn ein Azubi oder eine junge Ingenieurin am Ende eines Projekts vor dem fertigen Gebäude steht und sagen kann: „Das habe ich mitgeplant“, dann ist das unbezahlbar.

Si: Wagen wir zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft: Wie wird sich die TGA-Branche in den nächsten zehn Jahren verändern und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Genkel: Die TGA wird noch vernetzter, digitaler und energie orientierter werden. Wir werden stärker in übergeordnete Energiesysteme eingebunden sein – Stichwort Sektorenkopplung. Wir bereiten uns darauf vor, indem wir Wissen teilen, in Schulungen investieren und den Blick über das einzelne Projekt hinaus richten.

Si: Welche Kompetenzen werden künftig also besonders gefragt sein?

Genkel: Systemverständnis, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln. Technik verändert sich rasant – wer offenbleibt und neugierig ist, bleibt automatisch vorne.

Si: Und eine dazu passende Frage zum Schluss: Welche technologischen Entwicklungen werden die Branche am stärksten beeinflussen?

Genkel: Ganz klar: Digitalisierung und KI gestützte Systeme, die Planung, Betrieb und Wartung miteinander verknüpfen. Dazu kommen neue Energiespeichertechnologien, intelligente Regelungen und die Integration erneuerbarer Quellen auf Quartiersebene. Aber bei aller Technik: Entscheidend bleibt der Mensch. Nur wer Technik versteht und sinnvoll einsetzt, kann sie zum Nutzen aller machen.

Si: Herr Genkel, vielen Dank für die interessanten Einblicke und das Interview.

www.ibheimsch.de

Dieser Beitrag wurde zuvor in der Si 11/2025 veröffentlicht.