In Zeiten, in denen die deutsche Baubranche mit massiven Herausforderungen kämpft, rückt die Digitalisierung als möglicher Weg der Kostenreduktion in den Fokus. Wir sprachen mit Patrizia Bengel, Head TGA Strategie & Entwicklung von ATP architekten ingenieure, über die aktuelle Krise am Bau, die Chancen durch BIM, KI und integrale Planungsprozesse.

Si: Die Baubranche befindet sich aktuell in einer schwierigen Phase. Wie würden Sie als Experten die gegenwärtige Krise am Bau charakterisieren und welche spezifischen Herausforderungen sehen Sie für Architektur- und Ingenieurbüros?
Patrizia Bengel: Die Krise am Bau ist weit mehr als eine Frage von Finanzierung, Fachkräften und Kosten. Wir erleben hier einen tiefgreifenden Strukturwandel. Für Architektur- und Ingenieurbüros bedeutet das: weniger Neubau, mehr Sanierung und Revitalisierung von Bestandsbauten, eine stärkere Gewichtung von Gebäudetechnik und Nachhaltigkeit – und das alles unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Die großen Chancen liegen in der energetischen Sanierung, innovativer Gebäudetechnik, Sanierungskompetenzen und in der Digitalisierung. Wer diese Themen beherrscht, wird in den kommen-
den Jahren gefragt sein.
Si: Wie wirken sich steigende Zinsen und Materialkosten auf Ihre tägliche Arbeit aus?
Bengel: Wir spüren eine deutliche Zurückhaltung bei Zeitplänen und Investitionsentscheidungen. Der Wettbewerb ist enger geworden. In den Projekten wird es zunehmend anspruchsvoller, Kunden über mehrere Leistungsphasen (und Jahre) hinweg eine verlässliche Kostengenauigkeit zu gewährleisten. Die globale Marktdynamik birgt zusätzliche Risiken. Unvorhersehbare Ereignisse wie Pandemie oder Energiekrise haben gezeigt, wie stark die Baubranche und die gesamte Wirtschaftslage aus dem Gleichgewicht geraten.
Si: Wir müssen also effizienter werden, um unnötige Kosten zu vermeiden. Die Digitalisierung wird dabei oft als Schlüssel zur Effizienzsteigerung im Bauwesen genannt. Wo stehen wir aktuell bei der digitalen Transformation der Branche?
Bengel: Die digitale Transformation befindet sich in der Baubranche noch mitten im Übergang. Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre ist der Schritt von Insellösungen hin zu durchgängigen, datengetriebenen Prozessen. Dabei geht es allerdings nicht nur um die Steigerung der Effizienz – Digitalisierung ist die Voraussetzung, um Nachhaltigkeitsziele wirklich mess- und umsetzbar zu machen.
Si: Welche digitalen Werkzeuge haben sich in Ihrem Alltag dabei bisher als besonders wertvoll erwiesen?
Bengel: KI-Anwendungen wie Copilot oder ChatGPT eröffnen neue Möglichkeiten, die wir tagtäglich in unserer Arbeit bei ATP erproben und in unseren KI-Teams zunehmend perfektionieren. In der breiten Masse sind diese Tools jedoch noch nicht vollständig angekommen. Deutlich weiter verbreitet sind digitale Planungsmethoden wie beispielsweise BIM. Aber auch hier fehlt oft noch eine durchgängige Vernetzung der einzelnen Softwarelösungen.
Si: Building Information Modeling wird seit Jahren diskutiert. Inwieweit ist BIM heute in der Breite in der Praxis angekommen
und welche konkreten Vorteile bringt es?

Bengel: BIM und digitale Planung sind zwar in aller Munde, aber in der Baubranche noch nicht flächendeckend angekommen. Wir haben die digitale Brücke begonnen zu bauen – auf der einen Seite stehen Architektur und Ingenieurwesen, auf der anderen Seite die Bauausführung. Doch dazwischen liegt noch eine Lücke, die wir Schritt für Schritt schließen wollen.
Si: Wie können Handwerksbetriebe, insbesondere aus dem SHK-Bereich, erfolgreich in diese BIM-Prozesse eingebunden werden?
Bengel: Es ist wichtig, dass wir die Einstiegshürden für Firmen, die BIM noch nicht nutzen, niedrig halten. Einheitliche Datenformate, klare Schnittstellen und eine gute Koordination sind entscheidend. Dadurch ergibt sich ein spürbarer Nutzen für alle. In Projekten muss bereits in der Planung darauf geachtet werden, dass auch Handwerksbetriebe diese direkt weiterverwenden können. Partnerschaftliche Zusammenarbeit ist dabei ein zentrales Element.
Si: Welche Anforderungen müssen sie dazu erfüllen?
Bengel: Eine große Herausforderung ist sicher das geschulte Fachpersonal. Außerdem müssen Schnittstellen und Datenformate detailgenau definiert sein, damit eine übergreifende Zusammenarbeit aller Beteiligten reibungslos möglich ist. Die Tools müssen praxisnah sein und einen echten Nutzenbringen.
Si: Inwiefern müssen sich möglicherweise auch traditionelle Rollenbilder von Architekten, Ingenieuren und Handwerkern verändern?
Bengel: Das ist ein entscheidender Punkt. Die Digitalisierung verändert langfristig unsere Arbeitsweise. Architekten und Ingenieure werden künftig noch stärker in interdisziplinären Teams arbeiten. Bei ATP erleben wir das jeden Tag: Wir planen integral und nutzen digitale Werkzeuge, um technische, wirtschaftliche und soziale Aspekte gemeinsam zu denken und umzusetzen. Zukünftig wird es mehr Generalisten mit digitalem Überblick geben – die Experten bleiben wichtig, aber die Rolle verschiebt sich stärker in die integrative Zusammenarbeit.
Si: Die Digitalisierung erfordert neue Kompetenzen. Welche Fähigkeiten müssen Fachkräfte heute generell mitbringen, um in der digitalisierten Bauwelt erfolgreich zu sein?
Bengel: Anstatt selbst zu berechnen, auszulegen und zu produzieren, müssen wir zunehmend Ergebnisse überprüfen, interpretieren und präsentieren können. Das erfordert neben technischem Wissen auch Präsentations- und Kommunikationsfähigkeiten. Ebenso wichtig sind Selbst- und Zeitmanagement – beides Faktoren, die wir in unseren Teams gezielt fördern, weil sich Prozesse mit der Digitalisierung deutlich beschleunigen.
Si: Die künstliche Intelligenz (KI) als ein weiterer Aspekt der Digitalisierung sorgt aktuell für viele Veränderungen. Welche konkreten Anwendungsfälle sehen Sie für KI auf der Baustelle und in der Planung?

Bengel: KI kann viele Schritte erleichtern: von automatisierten Variantenstudien in frühen Phasen (Leistungsphase 2) über die Auslegung von Anlagen bis hin zur Termin- und Kostensteuerung. Durch die Automatisierung gewinnen wir Zeit und reduzieren Fehler in Planung und Ausführung. Weitere relevante Anwendungen für die Bauleitung wären die automatisierte Klassifizierung von Mängeln und Abweichungen. Im Gebäudebetrieb können wir selbstlernende Regel-Systeme und vorausschauende Wartungen einsetzen.
Si: Wo sehen Sie die Grenzen des KI-Einsatzes im Bauwesen?
Bengel: Trotz aller Möglichkeiten bleibt der Mensch unverzichtbar. Die Ergebnisse müssen interpretiert, überprüft und weiterverarbeitet werden. Grundlage dafür ist eine hohe Datenqualität. Zudem spielen Datensicherheit und Haftungsfragen eine immer größere Rolle. Die steigende Komplexität der Projekte und der anhaltende Fachkräftemangel sind zwei Trends, die hier gegeneinander spielen.
Si: Wie kann man in diesem Sinn auch ältere, erfahrene Fachkräfte für die digitale Transformation und den Umgang mit Werkzeugen wie einer KI begeistern?
Bengel: Erfahrene Fachkräfte bringen wertvolles Wissen ein, das für Projekte unverzichtbar ist. Um sie für digitale Werkzeuge zu gewinnen, sind Wertschätzung und klare Kommunikation der Schlüssel zur erfolgreichen Einbindung. KI Schritt für Schritt über alltägliche Routinen einzuführen, ist
dabei der Schlüssel. Wichtig ist eine enge Zusammenarbeit in gemischten Teams aus jungen und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Dadurch entsteht Verständnis füreinander und ein befruchtender Lernprozess für alle.
Si: Schauen wir zum Abschluss, sagen wir, fünf Jahre in die Zukunft: Wie wird das digitalisierte Bauwesen dann aussehen und welche Entwicklungen werden den größten Einfluss haben? Spielt dabei eine europäische Dateninfrastruktur – konkret Gaia-X – in der Baubranche eine Rolle?
Bengel: In den nächsten fünf Jahren wird die digitale Planung deutliche Fortschritte machen: Entwickler, die den Datenschutz – und damit Gaia-X – mitdenken, werden einen Wettbewerbsvorteil in Europa haben. Für uns ist klar: Die Digitalisierung ist für die Bauwirtschaft kein Zukunftsthema mehr, sondern eine Überlebensfrage.
Si: Was sind die drei wichtigsten Schritte, die die Branche jetzt gehen muss, um die Potenziale der Digitalisierung voll auszuschöpfen?
Bengel: Durchgängige digitale Prozesse, Teamkompetenzen und Kulturwandel sowie eine strategische Investition in nachhaltige Technologien. Wer diese Themen konsequent verfolgt, wird nicht nur die Krise meistern, sondern die Zukunft des Bauens prägen.
Si: Frau Bengel, vielen Dank für das Gespräch.
Dieser Beitrag wurde zuvor in der Si 11/2025 veröffentlicht.