Drei Neubauten in der Stadt Schwarzenberg sollen ihren Energiebedarf weitgehend selbst decken. Dafür werden PV, Batteriespeicher und Infrarotheizungen kombiniert. Die örtliche Wohnungsgesellschaft bietet den Mietern eine Pauschalmiete mit Energieflatrate nach dem Konzept von Prof. Leukefeld und seinem Autarkie-Team.



Die sächsische Stadt Schwarzenberg südlich von Chemnitz verliert Einwohner, viele Wohnungen stehen leer. Trotzdem baut die Wohnungsgenossenschaft Schwarzenberg eG jetzt drei neue Mehrfamilienhäuser, in denen die Kosten für Heizung, Warmwasser und Strom schon in der Miete enthalten sind. Die nur mit Strom versorgten Neubauten sollen zahlreiche Vorteile für Mieter, Vermieter und das Klima bringen. Am 30.September fand die feierliche Grundsteinlegung statt.
Eine Miete, alles drin
Die drei baugleichen Häuser mit dem vollelektrischen solaren Energiekonzept entstehen im Wohngebiet Sonnenleithe. Die Vorstände Enrico Schaarschmidt und Michael Förster und der Energieexperte Prof. Timo Leukefeld setzten bei der Grundsteinlegung eine Zeitkapsel ins Fundament. Laut der Lokalpresse („Freie Presse“) investiert die Genossenschaft rund 6 Mio. Euro in das Projekt. Ende 2027 sollen die Gebäude fertig sein, Anfang 2028 werden die ersten Mieter einziehen.
Für die Mieter ändert sich vor allem eines: Es gibt keine Nebenkostenabrechnung mehr. Wohnen, Heizung, Warmwasser und Strom zahlen sie mit einer Pauschalmiete, die zunächst fünf Jahre garantiert ist. Jedes Haus bekommt sieben Wohnungen. Die meisten sind 3- und 4-Raum-Wohnungen mit 85 bis 104 m², dazu kommt je eine Maisonette mit 74 m². Laut Bauherrin sind es die ersten Mehrfamilienhäuser im Erzgebirge, die rund 60 % ihres Energiebedarfs mit PV-Strom selbst decken.
Warum neu gebaut wird – trotz Leerstand
Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Erzgebirgsstadt Schwarzenberg durch Flüchtlinge und Wismut-Kumpel aus dem umliegenden Uranbergbau auf über 20.000 Einwohner. Heute wohnen 15.000 Menschen in der Stadt. 1954 wurde die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft gegründet, aus der die heutige Genossenschaft hervorging. Über 100 Jahre lang prägte außerdem die Waschmaschinenproduktion die Stadt. Für die Beschäftigten entstand ab 1981 die Plattenbausiedlung Sonnenleithe.
Nach der Wende verlor die Sonnenleithe mehr als die Hälfte ihrer Einwohner. Die Wohnungsgenossenschaft verkleinerte ihren Bestand von fast 2.600 auf rund 1.800 Wohnungen und senkte den Leerstand durch Abriss. Der Neubau soll das umkehren: „Wir bauen einen Leuchtturm und zeigen, dass es auch anders geht zu bauen. Und wir setzen dem Rückbau etwas entgegen“, sagt Vorstand Enrico Schaarschmidt. Den Standort hat die Genossenschaft auch wegen der Sonneneinstrahlung für die PV-Module an Fassade und Dach gewählt, denn die Sonnenleithe liegt hoch und frei.
Die Sonne trägt die Pauschalmiete
Jedes Haus bekommt Photovoltaik-Module mit 77,8 kWp Leistung , davon 65,2 kWp auf dem Dach und 12,6 kWp an der Fassade. Die senkrechten Module an der Fassade liefern vor allem im Winter Strom, wenn die Sonne tief steht. Ein Batterie mit 56 kWh speichert den Strom vom Tag für die Nacht. Die übrigen rund 40 % Strom kauft die Genossenschaft von den Stadtwerken zu.
Trinkwassererwärmung mit Autarkie-Boilern
Das Warmwasser bereiten dezentral Autarkie-Boiler, die eigens für die „hochgradig energieautarken“ Häuser entwickelt wurden. Ein Autarkie-Boiler hat zwei Heizstäbe, von denen einer für die Nutzung von Solarstrom reserviert ist. So wird der Bedarf an Strom aus dem Netz für die Warmwasserbereitung reduziert. Durch die dezentrale Trinkwassererwärmung entfällt außerdem die jährliche Legionellenprüfung, was weitere Kosten spart.
Enttechnisierung spart Geld
Die Genossenschaft verlangt im Schnitt 5 Euro Miete pro m², aber teure Haustechnik nach heutigen Anforderungen lassen sich nach eigener Aussage damit nicht finanzieren. Ein Quartierskonzept der Stadt für das ganzes Plattenbaugebiet endete laut Schaarschmidt bei „utopischen Investitionen“. Leukefelds Ansatz gehe andersherum: viel Solarstrom, wenig Technik.
Deswegen sprach der Ansatz der Enttechnisierung von Leukefeld und dem Autarkie-Team den Vorstand sehr an. Vor allem durch die Infrarotheizung und die elektrische Warmwasserbereitung mit dem Autarkie-Boiler können hohe Kosten eingespart werden. Die wartungsfreien Infrarotheizgeräte, die eine garantierte Lebensdauer von 30 Jahren besitzen, werden in den Räumen an die Decken montiert und einfach an Stromleitungen angeschlossen. Rohre für die Wärmeverteilung sind nicht nötig.
Leukefeld und das Autarkie-Team haben kalkuliert, dass die Gesamtenergiekosten für Heizung, Warmwasser, Haushalts- und Allgemeinstrom bei circa 95 Cent je vermietbarem m² und Monat liegen werden. „Bei ähnlichen Neubauwohnungen, die nicht hochgradig energieautark sind, belaufen sich diese Kosten auf 2,50 bis 4 Euro je m² und Monat“, zieht Leukefeld den Vergleich. Dieser Betrag beinhaltet die Heizkostenabrechnungskosten und die Stromzähler-Grundgebühr, die bei einer Pauschalmiete entfallen.
Vorgestellt: Das Autarkieteam und seine Projekte
Das Konzept der energieautarken Häuser kommt vom Autarkie-Team: Energiexperte Timo Leukefeld aus Freiberg (Energiekonzept), Architekt Klaus Hennecke aus Zella-Mehlis und Projektsteuerer Jürgen Kannemann aus Suhl. Leukefeld hat schon Konzepte für rund 2.000 Wohneinheiten erstellt. Ein bekanntes Beispiel ist ein Plattenbau in Aschersleben, der zum energieautarken Haus mit 22 Wohnungen und Pauschalmiete umgebaut wurde. In Chemnitz wendet die Wohnungsgenossenschaft WCW das Konzept bei einer Sanierung im Stadtteil Kappel an, im früheren Plattenbau-Heckert-Gebiet. Dieses Projekt „Haus Sonne“ wurde im August 2026 eingeweiht. (Lesetipp: mehr zum Chemnitzer Projekt im Si-Sonderheft SHK&E). Für Großstädte gibt es das Modell „Energy Flat Living“.
Genossenschaftsvorstand Schaarschmidt hofft, dass das Projekt auch außerhalb der Region wahrgenommen wird. Die Leute sollen merken, dass es „in der erzgebirgischen Provinz so etwas Innovatives gibt“.
Quellen: Wohnungsgenossenschaft Schwarzenberg eG, Autarkie-Team, Freie Presse